đŸ€Ż Ich kann mich nicht konzentrieren – was kann ich dagegen tun?

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Kannst du dich nicht konzentrieren? Hast du auch das GefĂŒhl, du hast die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs? StĂ€ndig schweifen deine Gedanken ab, du nimmst dir fest vor, dass du heute XY machst, aber am Ende des Tages hast du nichts geschafft. Und anstatt – so wie geplant – 3 Stunden eine Fremdsprache zu lernen oder Programmieren zu ĂŒben oder irgendwas anderes sinnvolles zu machen, hast du wieder die ganze Zeit auf Whatsapp verbracht.

„Sich besser konzentrieren“ oder generell wieder mehr Fokus im Leben zu haben, ist ein Thema, das mich schon mein ganzes Leben begleitet, denn ich hatte schon immer massive Probleme, mich zu konzentrieren.

Wie viele Menschen, habe auch ich das GefĂŒhl, dass das sogar schlimmer geworden ist. Ich trĂ€ume einerseits davon, wirklich stundenlang zu lesen und voll in einem Buch abzutauchen, doch in der RealitĂ€t schweifen meine Gedanken oft schon nach 10 Minuten ab.

In den vergangenen Jahren habe ich viel unternommen, um das zu verbessern und auch einige BĂŒcher dazu gelesen. Darunter:

  • Hyperfocus von Chris Bailey
  • Konzentriert arbeiten von Cal Newport
  • Essentialismus von Greg McKeown

und viele mehr. Zuletzt habe ich das Buch Das ĂŒberforderte Gehirn gelesen, das mir freundlicherweise vom Redline Verlag als Rezensionsexemplar zur VerfĂŒgung gestellt wurde.

In diesem Artikel möchte ich meine Erkenntnisse aus dem Buch und meine Gedanken dazu teilen.

Das ĂŒberforderte Gehirn von Adam Gazzaley | Larry D. Rosen

Warum kann ich mich nicht konzentrieren?

Ich hatte schon oft den Verdacht, dass bei mir ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vorliegen könnte. Doch, da ich hierzu keine offizielle Diagnose habe, möchte ich mich gar nicht weiter ĂŒber EventualitĂ€ten auslassen. Ich denke das muss ich auch nicht, denn das GefĂŒhl, sich nicht konzentrieren zu können, kennt glaube ich jeder und auch Menschen, die definitiv kein ADHS haben, klagen immer hĂ€ufiger darĂŒber, dass sich ihre Konzentration verschlechtert hat.

Ich bin kein Technikfeind. Ganz im Gegenteil, ich liebe die Welt in der wir leben und all ihre technischen Spielereien. Ich trage 24/7 eine Apple Watch und einen Oura Ring, ich bin mit meinem iPhone verwachsen und habe eine ungesunde Fixierung darauf mir eine Apple Vision Pro zu kaufen.

Doch trotzdem drĂ€ngt sich mir der Verdacht auf, dass mein Umgang mit Technik nicht unschuldig an meinen Konzentrationsproblemen ist. Insbesondere die Art und Weise, wie mich die Technik zu Multitasking verfĂŒhrt.


đŸ€Ż Multitasking zerstört unsere Konzentration

Wir sind getrieben davon, neue Informationen zu bekommen. Dieses Verhalten ist bei uns evolutionÀr verankert und findet sich auch bei Primaten. In einem Versuch zeigt das Gehirn von Makaken dieselbe Reaktion auf das Erhalten von Informationen, wie auf primitive Belohnungen in Form von Wasser oder Futter.

Das fĂŒhrt aber auch dazu, dass wir stĂ€ndig neue Informationen suchen. Erwachsene und Teenager schauen, in der Zeit in der sie wach sind, im Schnitt 150x auf ihr Handy, das sind alle 6-7 Minuten.

Studien zeigen, dass 95% der Weltbevölkerung 1/3 des Tages mit TÀtigkeiten verbringt, die man zu Multitasking zÀhlen kann. Also mit AktivitÀten aus mehr als einem Bereich gleichzeitig.

Damit meine ich aber keine AktivitÀten, die wir easy nebenbei machen können. Wir alle können Kaugummi kauen, wÀhrend wir spazieren gehen oder Musikhören beim Autofahren. Mit Multitasking meine ich bewusst AktivitÀten, die unsere kognitive Aufmerksamkeit erfordern. Das Problem ist nÀmlich: wir können gar kein Multitasking. Wir können nur sehr schnell zwischen zwei oder mehreren Aufgaben hin und her wechseln.

Multitasking ist wie ein Virus, der unsere Konzentration zerstört

Teenager und junge Erwachsene sind selbstbewusst davon ĂŒberzeugt, dass sie mĂŒhelos 6-7 Aufgaben gleichzeitig bewĂ€ltigen können. Zu dem Ergebnis kam eine Forschergruppe von Dr. Larry D. Rosen (=> https://www.researchgate.net/)

Irgendwie haben wir stĂ€ndig das BedĂŒrfnis nebenbei noch etwas anderes zu tun, obwohl wir eigentlich wissen, dass wir uns voll und ganz einer Aufgabe widmen sollten.

Konzentration und die kognitive Steuerung

In dem Buch „Das ĂŒberforderte Gehirn“ habe ich gelernt, dass es einen Unterschied zwischen exekutiven Funktionen und der kognitiven Steuerung gibt. Wir sind zwar einerseits sehr gut darin uns Ziele zu setzen und langfristig in die Zukunft zu planen, bei der direkten Umsetzung schneiden wir aber nicht viel besser ab, als Menschenaffen und andere Tiere. FĂŒr die Umsetzung brauchen wir Konzentration, unser ArbeitsgedĂ€chtnis, Aufmerksamkeit etc.

Das Problem ist aber, dass wir durch stĂ€ndiges Multitasking – oder besser gesagt dadurch, dass wir uns selbst immer wieder unterbrechen – uns selbst anerziehen, nicht bei einer Aufgabe zu bleiben. Wir schwĂ€chen unsere kognitive Steuerung, insbesondere unsere Konzentration.

Wie hat sich unsere Welt verÀndert?

Der Zukunftsforscher Alvin Toffler beschreibt in seinem Buch „die Dritte Welle“ eine Theorie, nach der sich große VerĂ€nderungen in der Menschheit wellenartig ereigneten. Seine erste Welle, war die agrare Welle. Diese kennzeichnete den Übergang von der JĂ€ger und Sammler Bewegung hin zur landwirtschaftlichen Nutzung. Diese Welle dauerte laut Toffler 3000 Jahre.

Die zweite Welle brachte die Industrielle Revolution und begann mit der Erfindung der Dampflok und dauerte 300 Jahre.

Die dritte Welle umfasst das Informationszeitalter und soll 30 Jahre andauern, sie beginnt 1980.

Anmerkung von mir: ich denke realistischer wĂ€re es hier einen Zeitraum von 12.000 Jahren anzusetzen; also im Rahmen der Jungsteinzeit. Alvin Toffler lebt leider nicht mehr, sonst hĂ€tte man ihm empfehlen können, mal Harari zu lesen. Das geht jetzt bei Toffler wunderbar auf, dass jede Welle immer nur 1/10 der LĂ€nge der vorherigen umfasst, aber rein historisch stimmen diese Zahlen natĂŒrlich nicht.

Trotzdem hat Toffler hier eine recht gute Vorhersage gemacht. Das Buch „das erschöpfte Gehirn“ spricht davon, dass wir in den letzten 10-15 Jahren immer wieder von Miniwellen erschĂŒttert wurden. Die hatten nicht so weitreichende Auswirkungen auf unser Leben, wie die neolithische Revolution, die industrielle Revoultion oder die EinfĂŒhrung des Computers in Privathaushalten. Aber was wir ganz klar beobachten können ist, dass es immer schneller und schneller geht.

Es wird alles immer schneller

Es gibt die Theorie, dass eine Technologie eine Gesellschaft durchdrungen hat, wenn sie 50 Millionen Nutzer erreicht hat. Das Telefon brauchte noch 75 Jahre, um diese Marke zu knacken, das Radio nur noch 38 Jahre und der Fernseher lediglich 13 Jahre. Hier sieht man schon eine rasante Entwicklung, aber die Entwicklungen der jĂŒngsten Zeit ĂŒbertreffen das noch. Myspace erreichte diesen Meilenstein nach 2 Jahren, Facebook und Youtube nach einem und Tiktok in weniger als einem Jahr.

Aus meiner Sicht ist das vor allem ein Zeichen fĂŒr wachsenden Wohlstand. Wenn der Fernseher nur 13 Jahre brauchte, um so eine hohe Verbreitung zu finden, zeigt das, dass so viel mehr Menschen finanziell in der Lage waren eine solche Anschaffung zu tĂ€tigen.

Noch krasser wird es beim iPhone. Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass dieses Ding mit seiner EinfĂŒhrung 2007 exorbitant teuer war. Lustigerweise ist es heute deutlich teurer und niemand macht so einen Aufschrei darum, wie 2007. Selbst inflationsbereinigt ist das immer noch ein verdammt teures GerĂ€t. Doch das Krasse ist: das iPhone erreichte diese Marke im Jahr 2011. 4 Jahre nach seiner EinfĂŒhrung. Obwohl das Teil so extrem teuer war. Das spricht ganz klar dafĂŒr, dass die Kaufkraft und der Wohlstand noch mal deutlich gestiegen sind.

Doch fĂŒr unsere Konzentration bedeutet das, dass wir noch hĂ€ufiger und noch schneller von bekannten Systemen auf Neues wechseln mĂŒssen.

Das klingt erstmal cool und aufregend, weil wir ja – wie oben bereits gelernt – auf neue Informationen Ă€hnlich reagieren, wie auf Nahrung. Aber es bedeutet auch, dass wir stĂ€ndig neue Ressourcen aufbringen mĂŒssen, um uns an neue Sachen zu gewöhnen. Diese Energie fehlt uns an anderer Stelle.

Wie unkonzentriert machen uns Unterbrechungen?

Aus dem Buch ist mir ein Experiment besonders im GedĂ€chtnis geblieben. Hierbei wurden 3 Gruppen mit Studenten gebildet, die fĂŒr einen Test lernen sollten. Die erste Gruppe wurde dabei nicht unterbrochen. Sie beschĂ€ftigte sich mit einem Text und schrieb dann einen Test darĂŒber. Die zweite Gruppe chattete vorher mit einem Mitarbeiter des Forschungsteams und lernte dann genau so wie die erste Gruppe fĂŒr den Test.

Die dritte Gruppe wurde wÀhrend des Lernens immer wieder von dem Chat mit dem Forschungsmitarbeiter unterbrochen.

Erstaunlich war, dass alle drei Gruppen gleich gut abschnitten. Allerdings brauchte die dritte Gruppe deutlich lĂ€nger zum Lernen und fĂŒr den Test, selbst wenn man die Zeit abzog, die fĂŒr das Chatten draufgegangen war.

Meine persönliche Erfahrung mit Unterbrechungen

Seit ich das Buch gelesen habe, habe ich selbst mehr darauf geachtet, lÀnger bei einer TÀtigkeit zu bleiben und meine Konzentration zu steigern. Dabei ist mir vor allem eins aufgefallen: ich neige zu Multitasking, wenn ich von Fomo getrieben bin. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich gerade lese, obwohl ich eigentlich noch etwas anderes machen sollte.

Das ist vor allem im Hinblick auf das letzte Experiment interessant. Denn eigentlich weiß ich, dass eine Aufgabe nur lĂ€nger dauert, wenn ich sie zwischendurch immer wieder unterbreche. Was mir dabei wirklich geholfen hat ist, mir klar zu machen, dass die anderen Sachen jetzt nicht wichtig sind und fĂŒr mich wirklich die Entscheidung zu treffen, dass ich sie jetzt nicht machen werde. Egal, welche Konsequenzen das bedeutet.

Ja, es kann sein, dass gerade irgendjemand darauf wartet, dass ich ihm zurĂŒckschreibe oder irgendwas fĂŒr ihn mache. Aber ganz ehrlich: nein, Pech gehabt. Das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich gerade dieses Buch lese, weil ich Bock habe dieses Buch zu lesen. Wichtig ist, dass ich jetzt Italienisch lerne und das mache ich so lange, wie ich Bock darauf habe und wenn ich keine Lust mehr habe Italienisch zu lernen, dann mache ich eben was anderes, aber nicht frĂŒher.

Es ist faszinierend, dass bereits dieser kleine Mindset-Shift die Zeit, die ich konzentriert an einer Aufgabe arbeite verdoppelt und teilweise verdreifacht hat.

Wenn du dich nicht konzentrieren kannst…

…lohnt es sich vielleicht einen Blick in das Buch zu werfen. Mir hat es insgesamt recht gut gefallen. Allerdings ist es am Anfang etwas langatmig und Ausschweifend. Das kann nervig sein, wenn man schon viele Ă€hnliche BĂŒcher gelesen hat. Trotzdem wĂŒrde ich das Buch weiterempfehlen.


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