Ruja Ignatova: Die Jagd auf die Kryptoqueen (OneCoin)

Ich hörte das erste Mal von Ruja Ignatova in einem True Crime Podcast. Ich habe eine Schwäche für True Crime, besonders für Hochstapler:innen. Catch me if you Can ist mein Lieblingsfilm, ich habe natürlich auch das Buch gelesen. Der Tinderschwindler, Anna Delvey und zahlreiche andere üben eine große Faszination auf mich aus. Deswegen fand ich auch den Fall von Ruja Ignatova so spannend.

Ruja stammt aus einer bulgarischen Familie und kam als Kind nach Deutschland. Sie ist sehr intelligent und lernte die Sprache schnell, studierte Jura und machte sich bald einen Namen. Vor allem aber, konnte sie sich selbst gut verkaufen. Viel besser, als es ihren Leistungen gerecht wurde. Irgendwann gründete sie das Unternehmen OneCoin, eine Pseudokryptowährung. 

Ruja vermarktete OneCoin als bessere Alternative zu Bitcoin. Schnell gewann sie zahlreiche Anhänger. Das Ganze war ausgelegt, wie ein Multi Level Marketing Unternehmen. Mitglieder warben neue Mitglieder und bekamen dafür Provisionen. In Form von Tokens und Coins. Lange Zeit wurde den Mitgliedern erzählt, dass sie ihre OneCoins bald auf einem Marktplatz gegen Fiat Geld (also Euro, Pfund, Dollar etc.) tauschen könnten. Doch dazu kam es nie. Schlimmer noch: nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass OneCoin keine echte Kryptowährung war, denn dafür fehlte das Herzstück: die Blockchain. 

Eine Blockchain kann man sich vorstellen, wie ein Kassenbuch. Man trägt ein, wer, an wen einen Betrag, in der jeweiligen Kryptowährung, verschickt hat. Am Ende gibt es eine Prüfsumme. Wenn jemand einen einzelnen Posten in diesem Kassenbuch verändert, funktioniert am Ende die Prüfsumme nicht mehr.

Bis zu diesem Punkt ließe sich das Protokoll noch relativ leicht manipulieren. Man würde die Posten so verändern, dass sich am Ende dennoch eine passende Prüfsumme ergibt. Doch die eigentliche Superkraft der Blockchain liegt darin, dass es sich nicht um nur ein Kassenbuch handelt. Sondern um tausende, zehntausende, hunderttausende, die auf verschiedenen Servern verteilt sind. Wenn jemand nun einen einzelnen Posten im Protokoll verändern will, müsste er das bei allen Servern tun, die Teil der Blockchain sind.

Das ist der fundamentale Vorteil einer dezentralen Organisation, im Gegensatz zu einer zentralen Organisation, wie bei Zentralbanken. Bei einer zentralen Datenaufbewahrung gibt es einen einzelnen Speicherort, beispielsweise eine Datenbank. 

OneCoin erfüllte also von vorneherein die Anforderungen an eine dezentrale Organisation nicht. Da die OneCoin-Transaktionen – wie man später herausfand – nicht in einer Blockchain, sondern in einer Datenbank gespeichert waren, handelte es sich hierbei nicht um ein dezentrales System, sondern, um ein zentrales System.

Jennifer wurde selbst Opfer der OneCoin Betrugsmasche. Sie investierte das Erbe ihres verstorbenen Vaters in die Pseudo Kryptowährung und war lange Zeit fest davon überzeugt. Sie motivierte Freunde und Bekannte, ebenfalls zu investieren. Bis die Zweifel überhand nahmen und sie begann nach der Wahrheit zu graben. Am Ende hat sie dieses Buch über ihren Weg geschrieben.

Ich gebe zu, ich hatte ein bisschen was anderes erhofft. Das Buch ist aus Sicht eines Opfers geschrieben, der Fokus liegt also vor allem auf dem persönlichen Erleben der Autorin. Da ist soweit auch nichts schlechtes dran, nur, dass ich einen anderen Betrachtungswinkel persönlich interessanter gefunden hätte. Das Buch umfasst insgesamt weniger als 300 Seiten, davon gehen bereits die ersten 50 für die schwierige Kindheit, Jugend und Vergangenheit der Autorin drauf. Sie hat mein größtes Mitgefühl, alles, was sie in ihrem Buch beschreibt, tut mir wahnsinnig leid. Sie hatte eine schwere Kindheit, ein problematisches Elternhaus, ihr ganzes Leben lang Geldprobleme und am Ende auch noch schwere gesundheitliche Einschränkungen. Diese Informationen sind wichtig, weil sie Empathie erzeugen und uns als Leser:innen der OneCoin Betrug noch schäbiger vorkommt, weil die Fallhöhe so eine große Dimension hat. Man liest dieses Buch und denkt an die vielen armen Menschen, die durch die Betrugsmasche ihre Ersparnisse verloren haben. Vor allem Menschen in Schwellenländern, die alles auf Kryptowährungen gesetzt haben, weil sie gar keine Möglichkeit hatten, über ein zentrales Bankensystem Geld anzulegen. 

Natürlich kann man jetzt ganz unempathisch sagen: „Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich auch nicht wahr“. Aber ich denke, wir argumentieren hier aus einer sehr privilegierten Situation und können uns nicht ausreichend in Menschen hineinversetzen, die eben keine Digital Natives sind. Vor allem vor dem Hintergrund von Jennifers Geschichte konnte ich ihren Wunsch, ein Märchen zu erleben, irgendwie nachempfinden. Das Leben war immer hart zu ihr, wahrscheinlich dachte sie einfach, es wäre gerecht, wenn sie jetzt endlich mal Glück hätte, nachdem sie so lange gekämpft hat. Sie wirkte ein bisschen wie der Erfolg, der sich einstellt, wenn man nur lang genug hart arbeitet. So wie es in einer perfekten Welt wäre. Aber das Problem an der Sache ist: Die Welt ist nicht perfekt. 

Hätte sie das Geld in Bitcoin investiert, wäre sie vermutlich tatsächlich reich geworden. Doch OneCoin war nur ein großer Scam.

Das Buch ist eine gute Übung in Empathie. Es klärt auch gut darüber auf, wie Betrugsmaschen funktionieren und welche psychologischen Prinzipien am Werk sind. Trotzdem lässt es mich ein bisschen unbefriedigt zurück, weil ich mir gerne einen etwas tieferen Einblick in die Biografie von Ruja Ignatova gewünscht hätte. Doch, vielleicht ein anderer Autor diese Lücke eines Tages schließen.


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