Codex Cosmopolitan @buch_empfehlungen
← Alle Rezensionen

Mitternacht in Tschernobyl

Adam Higginbotham
22. May 2024

Ich habe das Buch „Mitternacht in Tschernobyl" von Adam Higginbotham (übersetzt von Irmengard Gabler) vom Fischer Verlag als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank dafür.

Die Katastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 wurde uns als einer der verheerendsten nuklearen Unfälle in der Geschichte der Menschheit ins Gedächtnis gebrannt. Es gibt unzählige Dokumentationen, Filme und Serien – und doch wusste ich erschreckend wenig darüber. Auf das Buch von Adam Higginbotham bin ich durch Rainer Zitelmanns „Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten" aufmerksam geworden, in dem er mit der sowjetischen Planwirtschaft hart ins Gericht geht. Ich war neugierig geworden und wollte mehr erfahren. „Mitternacht in Tschernobyl" hat mich nicht enttäuscht.

Higginbotham hat hier ein sehr umfangreiches Werk geschaffen, das auf zahllosen Stunden intensiver und akribischer Recherche beruht – Interviews, Regierungsdokumente, Archive. Dabei nimmt er die Leser:innen mit in das System der UdSSR, das zu großen Teilen für die Katastrophe verantwortlich ist.

Die Stadt Tschernobyl, die um das neue W.I. Lenin-Atomkraftwerk herumgebaut wurde, sollte zum Aushängeschild der sowjetischen Wirtschaft werden. Doch bereits beim Bau zeichneten sich massive Probleme ab: Aufgrund strenger Deadlines konnten wichtige Sicherheitstests nicht durchgeführt werden, und die Planwirtschaft erschwerte es, an Baumaterialien zu kommen. Um den Fertigstellungstermin einzuhalten, wurden immer wieder Abstriche in der Sicherheit gemacht. Beim Lesen fragt man sich nicht, warum es in Tschernobyl zu einem Unfall kam – sondern warum es nicht noch zu weit mehr Katastrophen gekommen ist.

Insgesamt hat Higginbotham ein Werk geschaffen, das umfänglich und kurzweilig zugleich ist. Für die über 600 Seiten muss man Zeit mitbringen – ich habe rund 12–14 Stunden daran gelesen. Dennoch lohnt es sich sehr.